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02.11.2016

Lesezeit: etwa 4 Minuten

William Shakespeares Nähe zur deutschen Seele

Shakespeare-Jahr 2016: Fundgrube für zeitgemäße Gesellschaftskritik!

Sascha A. Roßmüller

In 2016 wurde der Blick nicht allein aufgrund des Brexit-Referendums vielfach nach Großbritannien gerichtet, sondern auch anläßlich des Shakespeare-Jahres. Zum 400. Mal jährte sich der Todestag des Dramatikers aus Stratford, dessen Tragödien, Komödien, Historien und Romanzen mit zu den bedeutendsten und am meisten aufgeführten und verfilmten Bühnenstücken der Weltliteratur zählen. So sehr er aber auch Bestandteil der Weltliteratur sein mag, eine herausragende Beziehung bauten die Deutschen zu diesem angelsächsischen Literaturtitanen auf. Für die Dramentheoretiker der Spätaufklärung und des „Sturm und Drang“ wurde Shakespeare in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Prototyp des Genies und blieb beispielsweise im Urteil des Altmeisters aus Weimar, Johann Wolfgang von Goethe, ein „Stern der höchsten Höhe“. Insbesondere seit der Romantik ist die Auffassung, daß die Deutschen eine besondere Affinität zu Shakespeare hätten, kennzeichnend für die deutsche Shakespeare-Rezeption. Shakespeares Werk wurde zuweilen der deutschen Seele sogar näher stehend empfunden als der englischen selbst.

Der Literaturwissenschaftler und Philosoph Friedrich Theodor Vischer stellte bereits fest: „Die Deutschen sind nun also gewohnt, Shakespeare als einen der Unsern zu betrachten.“ Wie sehr das deutsche Publikum Shakespeares Werk aufgenommen hat, ist auch daran ersichtlich, daß die 1864 gegründete Deutsche Shakespeare-Gesellschaft die älteste Shakespeare-Gesellschaft der Welt und bedeutend älter als die englische ist. Und es waren auch nicht die unbedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Literaturgenres, die sich der Übertragung seiner Werke ins Deutsche annahmen. Bekannte Übertragungen der Dramen sind die Ausgaben von Christoph Martin Wieland, August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck sowie die Übersetzungen einzelner Stücke von Friedrich Schiller oder Theodor Fontane und in neuerer Zeit beispielsweise von Peter Handke. Ein Blick in Shakespears Werke zeigt, daß uns der zur Wende des Mittelalters zur Neuzeit schaffende Dramatiker nicht nur auch, sondern gerade heutiger Tage Wesentliches mitzuteilen hat. Eines seiner maßgeblich zu seinem bleibenden Ruhm beitragenden Stücke ist „Hamlet“, in welchem das Theater in einem Sinne politisch wird, indem einer theaterspielenden Welt ein Spiegel vorgehalten wird, der ihr wahres Gesicht zu Tage fördert. Von den menschlich-ethischen Aspekten abgesehen darf ein zentraler staatspolitischer Kritikpunkt dieses Dramas nicht übersehen werden. In der sogenannten Elisabethanischen Ära erlebten Geheimdiplomatie und Geheimdienstwesen einen Höhepunkt, wofür historisch Sir Francis Walsingham, der Staatssekretär Elisabeths I. stehen kann. Und auch der von Shakespeare im „Hamlet“ dargestellte Staat ist ein Überwachungsstaat, in dem Bespitzelung an der Tagesordnung ist.

Im „Hamlet“ wird dieser im Auftrag des Königs von Polonius, Rosencrantz und Guildenstern beobachtet. Polonius wiederum läßt von Reynoldo seinen Sohn Laertes beobachten. Hamlet und Horatio hingegen beobachten den König, während dieser einen theateraufgeführten Mord beobachtet, den er quasi selbst begangen hat. „Hamlet“ ist neben seinen unbestritten weiteren Aspekten das Drama eines Spionagenetzwerkes, dem das auf der politischen Bühne heutiger Tage in nichts nachsteht, weshalb auch in Zeiten von „Stasi-West“ - offizieller Titel Verfassungsschutz - und NSA-Skandalen Shakespeare an Aktualität nichts eingebüßt hat. Doch auch die zögerliche Haltung der Person Hamlet, die auf Brudermord basierende unrechtmäßige Regentschaft des Claudius zu beenden, wurde früh in Deutschland politisch aufgegriffen. Hierbei sei nur an das in vorrevolutionärer Phase 1844 verfaßte Gedicht von Ferdinand Freilingrath erinnert, das in neun Strophen die gegenüber dem Polizeistaat Metternichs handlungsarme liberale Opposition anklagt und bezeichnenderweise mit den Worten beginnt: „Deutschland ist Hamlet!“ Einen maßgeblichen der Beliebtheit förderlichen, weil Idealismus atmenden, Beitrag zum deutschen Hamlet-Bild lieferte Goethe in seinem Erziehungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, indem er diesen darin als ein „schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen, ohne die sinnliche Stärke, die Helden macht“ beschrieb.

Doch ist es nicht allein auf „Hamlet“ beschränkt, selbst heute Erkenntnisse aus Shakespeares Schaffen zu ziehen, die in ihrem Gegenwartsbezug teilweise sogar noch an Aktualität hinzugewinnen. Das geradezu verstörend gewalttätige Drama „Macbeth“ ist beispielsweise eine bis in die heutigen Tage mahnende Warnung gegen Wertezerfall und Naturentfremdung. Der Literaturwissenschaftler und Anglizist Horst Breuer stellt fest, daß zur Naturbindung in Shakespeares Text auch das traditional verstandene Netz der Gemeinschaft und Verwandtschaft gehört, wobei traditional im Sinne von Max Weber als die beharrende, brauchtumsorientierte Welt der Vormoderne zu verstehen ist. Im Naturbegriff des Schauspiels sind die lebensspendenden und lebenserhaltendenden Vorgänge mit der Einbindung des Einzelnen in die soziale Gemeinschaft verknüpft. Nicht nur, daß vorgenannte Wertehaltung dem modernen vereinseitigenden Individualismus widerspricht, so kann dem heutigen Leser auch die Darstellung des ordnungswidrigen Zwittercharakters der dämonischen „mannweiblichen Hexen“ oder die Assoziation der ihren Geschlechtsort überschreitenden Lady Macbeth mit Schlechtigkeit und Amoral die gegenwärtige Debatte um Gender Mainstreaming ins Gedächtnis rufen.

Ob man als weitere Belege noch Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ heranführt, das mit seiner Darstellung der Sündhaftigkeit aus Geld wiederum Geld erzeugen zu wollen als heutige Kritik am FIAT-Geldsystem gelesen werden kann, oder andere seiner zahlreichen Werke, William Shakespeare bleibt weiterhin zeitlos und ist nach wie vor auf viele Deutschland und Europa bewegende Gegenwartsfragen zu projizieren. Und manche dieser Fragen könnte man ihrer Bedeutung nach mit nicht weniger als seinen wohl berühmtesten Worten umschreiben: „Sein oder Nichtsein“.

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